Moderator: Künstliche Intelligenz wird in immer mehr Bereichen eingesetzt, auch in der Medizin. Eine der ersten Anwendungen der Computeralgorithmen war in der Radiologie, wo Daten schon lange digital gespeichert werden. Vor etwa 20 Jahren hatte man aber noch Angst, wird das Röntgenfachpersonal schon bald durch Computer ersetzt? Silvia Unterdorfer zeigt, wie Künstliche Intelligenz im Klinikalltag schon heute eingesetzt wird.
Sprecher: Bei einer Röntgenuntersuchung in einem modernen Radiologieinstitut ist heute keine Bleischürze mehr nötig, denn moderne Technik verhindert zu viel Strahlenbelastung und speichert digital die Röntgenaufnahme zur Befundung durch Radiologen und Radiologinnen. Durch den demographischen Wandel werden die Untersuchungen und die Daten immer mehr. Medizinisches Personal ist knapp. Der Radiologe Gerd Schueller präsentiert hier die neuesten KI-Assistenten. Sie versprechen Entlastung seiner Kollegen und Kolleginnen von Routinebefunden und rasche und treffsichere Diagnosen. Erkennen die Algorithmen einen Knochenbruch hilft das dem Arzt schneller, eine Entscheidung zu treffen.
Radiologe Gerd Schueller: Einerseits ist es die klare Beantwortung von "Ja-Nein" Fragen "Braucht es mich dringend?" oder "Braucht es mich erst morgen in der Früh?" und andererseits macht es mich besser, in dem ich noch ein paar Details einfüttern kann, die möglicherweise entscheidend sind, die vielleicht untergegangen wären. Und ich kann es meinen Kollegen und auch den Patienten in Wort und in brillanten Bildern darstellen.
Sprecher: Den Menschen ersetzt die künstliche Intelligenz nicht. Allerdings kann sie als unterstützendes Werkzeug-Routinearbeit abnehmen und bietet eine zweite Meinung, wie wenn ein zweites Paar Augen bei der Befundung danebensitzen würde.
Radiologe Christian Stoiber: Gut funktioniert es zum Beispiel bei der Lunge. Da geht es immer darum, dass man allerkleinste Rundherde mitten in der Lunge findet. Und diese Rundherde, da reden wir oft von Knötchen, die unter fünf Millimeter groß sind. Die können natürlich ganz fein verteilt sein und wenn da die AI vorsortiert und einem diese kleinen Rundherde farblich markiert und man bewusst hinschauen kann, ist natürlich ein Riesenhilfe und eine Zeitersparnis.
Sprecher: Weniger zufrieden ist der Experte mit der künstlichen Intelligenz bei Brustuntersuchungen, denn es werden zu viele Auffälligkeiten eingezeichnet, die erst recht ein Arzt beurteilen muss.
Radiologe Christian Stoiber: Unsere Erfahrung ist, dass die AI eine tolle Sache ist und technisch faszinierend, aber man muss unbedingt immer die Befunde, die die AI erstellt kontrollieren und ganz ganz oft korrigieren. Also es ist bei weitem nicht so dass das zu 100 % funktioniert.
Sprecher: Die künstliche Intelligenz wird auch im Operationssaal verwendet. Zum Beispiel bei Operationen am Gehirn und Rückenmark. Der Neurochirurg muss wissen, ob es sich um Krebs handelt. Daher wird zunächst eine kleine Probe entnommen, die in der Pathologie aufbereitet und untersucht wird. Das dauert mindestens eine halbe Stunde bevor weiter operiert werden kann. Mit der neuen Technik wird direkt im Operationssaal in nur drei Minuten ein hochauflösend digitaler Gewebeschnitt erstellt. Die künstliche Intelligenz zeigt, ob es ein bösartiger Tumor ist oder nicht. Das ermöglicht eine raschere Entscheidung über die weitere Operation und erhöht die Sicherheit für den Patienten oder die Patientin. Die Algorithmen können auch ganz exakt Krebsgeschwüre von gesundem Gewebe unterscheiden.
Neurochirurg Georg Widhalm: Aus meiner Sicht einerseits ist der Vorteil, dass es schneller geht und dass auch zusätzlich zu den Pathologen, auch wir auf den Schirm schauen können und uns das Gewebe anschauen können, wie das aussieht. Und natürlich ist es für den Patienten eine Verbesserung, da Eingriffe wie Biopsien schneller gehen und auch sicherer verlaufen, da wir einfach die Ränder besser bestimmen können während der Operation.
Sprecher: Auch bei Narkosen wird künstliche Intelligenz eingesetzt. Hier am Wiener AKH wird im Operationssaal seit Kurzem ein Gerät verwendet, das hilft gefährliche Komplikationen zu vermeiden, wie einen zu niedrigen Blutdruck. Künstliche Intelligenz zeigt fünf bis zehn Minuten vorher an, ob der Blutdruck droht, zu stark abzufallen. Dann können die Experten und Expertinnen rechtzeitig eingreifen, zum Beispiel die Flüssigkeitszufuhr oder Medikamente optimieren.
Anästhesist Oliver Kimberger: Natürlich ist auch eine AI nicht fehlerfrei, das heißt es ist ganz wichtig außen zu betrachten: könnte es sich hier um einen fehlerhaften Wert handeln, um ein Artefakt, um einen falschen Wert, etc. Dementsprechend muss jeder Wert hinterfragt werden, und die letzte Entscheidung darf ausschließlich vom Arzt von der Ärztin getroffen werden, was mit diesem Wert zu tun ist.
Sprecher: Die häufigste Todesursache auf Intensivstationen ist eine Blutvergiftung. Die KI kann viel mehr Messwerte gleichzeitig überwachen als das Personal. Erste Studien zeigen, dass mit KI mehr Menschen überleben.
Anästhesist Oliver Kimberger: KI wird sicher in Zukunft Leben retten, sowohl auf der einen Seite was Vorhersagen betrifft, von sich entwickelnden Erkrankungen, was die Optimierung der Behandlung betrifft und eben auch was die Prognose von Behandlungen betrifft.
Sprecher: Eines ist sicher. Künstliche Intelligenz ist aus der Medizin heute nicht mehr wegzudenken.